Großer grauer Runenstein mit eingemeißelten Runenzeichen in einem Bandornament, im Hintergrund eine grüne Wiese und ein strohgedecktes Langhaus, bedeckter Himmel

Das Jüngere Futhark: Wie sich die Runenreihe in der Wikingerzeit veränderte

Wer das Ältere Futhark mit seinen 24 Zeichen gelernt hat und dann einen Runenstein aus Dänemark oder Schweden betrachtet, steht oft ratlos davor. Viele Zeichen fehlen, andere sehen vertraut aus, bedeuten aber etwas anderes. Der Grund ist eine der bemerkenswertesten Schriftreformen der europäischen Geschichte: Im 8. Jahrhundert schrumpfte die Runenreihe in Skandinavien auf 16 Zeichen.

Dieser Beitrag erklärt, wie es dazu kam, welche Varianten sich entwickelten und warum eine kleinere Schrift die Sprache nicht einfacher, sondern schwieriger lesbar machte. Die Grundlagen der älteren Reihe finden Sie in unserem Artikel über das Futhark.

Weniger Zeichen, mehr Laute

Das Erstaunliche an der Reform ist, dass sie gegen die Sprachentwicklung lief. Das Altnordische hatte in der Wikingerzeit mehr Laute als das Urnordische der früheren Jahrhunderte. Trotzdem verschwanden acht Runen. Statt für jeden Laut ein eigenes Zeichen zu haben, musste nun eine Rune mehrere Laute abdecken. Die Rune für u stand gleichzeitig für o, ø und w. Die Rune für i deckte auch e ab. Und für b und p, d und t, g und k gab es jeweils nur noch ein Zeichen.

Warum das so geschah, ist in der Forschung umstritten. Eine Erklärung lautet, dass Runenmeister die Schrift vereinfachen wollten, um sie schneller in Holz oder Stein zu ritzen. Eine andere verweist darauf, dass sich die Namen der Runen lautlich verändert hatten und manche Zeichen dadurch überflüssig wirkten. Sicher ist nur, dass der Wechsel innerhalb weniger Generationen in ganz Skandinavien durchgesetzt war.

Langzweig und Kurzzweig

Das Jüngere Futhark ist keine einheitliche Schrift. Fachleute unterscheiden zwei Hauptformen, die nebeneinander existierten:

  • Langzweigrunen: auch dänische Runen genannt, mit langen Strichen und klaren Formen, typisch für repräsentative Steine.
  • Kurzzweigrunen: auch schwedisch-norwegische Runen genannt, mit verkürzten Zweigen, schneller zu ritzen und häufig auf Alltagsgegenständen.
  • Daneben gab es stablose Runen, bei denen der senkrechte Hauptstab fast ganz wegfiel. Sie gelten als eine Art Kurzschrift.

Die Unterschiede sind für Laien klein, für Runologen aber wichtig. Sie verraten, wo und wofür eine Inschrift entstanden ist. Ein Stein mit Langzweigrunen in Schweden kann auf dänischen Einfluss hinweisen, eine Kurzzweigritzung auf einem Kamm auf eine Händlersiedlung.

Lesen mit 16 Zeichen

Für heutige Leser ist das Jüngere Futhark eine Herausforderung. Weil ein Zeichen mehrere Laute abdeckt, muss man den Text oft mehrfach durchgehen und aus dem Zusammenhang erschließen, welches Wort gemeint ist. Ein Name wie Thorbjörn kann in Runen ganz anders aussehen, als man erwartet, weil o und u zusammenfallen und das b auch für p steht. Runologen arbeiten deshalb mit Wortlisten, Vergleichsinschriften und der Kenntnis altnordischer Grammatik.

Hinzu kommt, dass Worttrenner nicht immer gesetzt wurden. Manchmal trennen Punkte oder kleine Kreuze die Wörter, manchmal läuft der Text ohne Pause durch. Auf manchen Steinen windet sich die Inschrift in einem Schlangenband, und man muss erst herausfinden, wo sie beginnt. Wer zum ersten Mal einen solchen Stein entziffert, braucht für drei Zeilen leicht eine Stunde.

Gerade diese Mehrdeutigkeit hat aber auch dazu beigetragen, dass Runeninschriften bis heute diskutiert werden. Viele Lesungen sind nicht endgültig, und neue Funde oder Vergleiche können eine alte Deutung verändern. Für Laien ist das ein guter Grund, bei Übersetzungen in Büchern oder im Internet genau hinzusehen, wer sie verfasst hat. Seriöse Ausgaben nennen immer auch die Fundstelle und die Signatur der Inschrift, damit man die Lesung nachprüfen kann. Fehlen diese Angaben, ist Vorsicht geboten, denn gerade im Internet kursieren viele frei erfundene Runentexte.

Runensteine als Gedenksteine

In der Wikingerzeit erlebten Runensteine eine Blüte. Tausende wurden in Skandinavien aufgestellt, die meisten in Schweden. Die Texte folgen oft einem festen Muster: Jemand ließ den Stein für einen Verstorbenen errichten, meist einen Vater, Bruder oder Ehemann. Manche nennen den Ort, an dem der Tote fiel, etwa auf einer Fahrt nach Osten oder nach England. Andere enthalten Verse oder Schutzformeln. Die Steine waren bemalt, was heute kaum noch zu sehen ist. Reste roter und schwarzer Farbe haben Forscher an einigen Steinen nachgewiesen, und manche Museen zeigen farbig rekonstruierte Kopien. Wer sie sieht, versteht, dass die Steine einst weithin sichtbare Botschaften in der Landschaft waren.

Auch in Norddeutschland gibt es solche Zeugnisse. Rund um die frühere Handelsstadt Haithabu an der Schlei wurden mehrere Runensteine gefunden, die heute im Wikinger Museum Haithabu zu sehen sind. Wer sich für die Zeit interessiert, sollte auch die Ausstellungen auf der Museumsinsel Schloss Gottorf in Schleswig einplanen, wo Funde aus der Wikingerzeit in größerem Zusammenhang gezeigt werden.

Das Ende der Runen

Mit der Christianisierung Skandinaviens im 11. Jahrhundert kam das lateinische Alphabet in den Norden. Die Runen verschwanden aber nicht sofort. Im Mittelalter entwickelte sich aus dem Jüngeren Futhark eine erweiterte Reihe, die mit Punkten zusätzliche Laute markierte. In abgelegenen Gegenden Schwedens wurden Runen noch bis in die Neuzeit für Kalender und Hausmarken verwendet. Das norwegische Runengedicht, das wir in unserem Beitrag zum Runenlied vorstellen, stammt aus dieser späten Zeit und folgt der 16er-Reihe.

Fazit: Eine kleinere Schrift für eine reichere Sprache

Das Jüngere Futhark zeigt, dass Schriften nicht nur praktischen Regeln folgen. Mit 16 Zeichen schrieben die Menschen der Wikingerzeit eine Sprache mit weit mehr Lauten, und sie taten es auf Tausenden von Steinen. Wer heute eine solche Inschrift lesen will, muss mehrdeutige Zeichen deuten. Genau darin liegt der Reiz dieser Schrift.