Gewaltige alte Esche mit ausladenden Ästen und freiliegenden Wurzeln auf einem nebligen Hügel, am Fuß des Stammes eine kleine Quelle, gedämpftes Morgenlicht

Yggdrasil: Die Bedeutung des Weltenbaums in der nordischen Mythologie

Kaum ein Bild der nordischen Mythologie ist so bekannt wie der Weltenbaum. Yggdrasil, die immergrüne Esche, steht im Zentrum der Welt, trägt mit ihren Ästen den Himmel und reicht mit ihren Wurzeln in die Tiefe. Sie ist kein gewöhnlicher Baum, sondern die Achse, um die sich das ganze Weltbild der Edda ordnet.

Dieser Beitrag fasst zusammen, was die Quellen über Yggdrasil berichten, welche Wesen an ihr leben und welche Rolle sie für Götter und Menschen spielt. Wie die einzelnen Welten zueinander liegen, erklären wir ausführlicher im Artikel über die neun Welten.

Was die Quellen erzählen

Unser Wissen über Yggdrasil stammt vor allem aus zwei Texten: der Lieder-Edda, einer Sammlung alter Götter- und Heldenlieder, und der Prosa-Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson aus dem 13. Jahrhundert. In der Völuspá, dem Lied der Seherin, wird der Baum als Esche beschrieben, die über dem Brunnen der Urd steht und nie ihr Grün verliert. Snorri ergänzt später viele Einzelheiten, ordnet sie aber auch nach eigenen Vorstellungen. Was ursprünglich geglaubt wurde und was Snorri systematisierte, lässt sich nicht immer trennen.

Der Name selbst gibt Rätsel auf. Die verbreitete Deutung lautet Odins Pferd, weil Yggr ein Beiname Odins ist und drasill ein dichterisches Wort für Pferd. Gemeint wäre dann der Galgen, an dem Odin hing. Andere Forscher lesen den Namen als Baum des Schreckens. Das Lexikon von wissen.de fasst die gängige Deutung als Weltesche knapp zusammen.

Drei Wurzeln, drei Quellen

Nach Snorri hat Yggdrasil drei Wurzeln, und unter jeder liegt eine Quelle. Eine Wurzel reicht zu den Asen, darunter liegt der Brunnen der Urd, an dem die Götter Gericht halten. Die zweite Wurzel reicht zu den Riesen, dort liegt der Brunnen des Mimir, dessen Wasser Weisheit schenkt. Für einen Schluck daraus gab Odin ein Auge. Die dritte Wurzel reicht nach Niflheim, in die kalte Unterwelt, zur Quelle Hvergelmir.

  • Brunnen der Urd: Sitz der Nornen, Ort des Götterrats.
  • Brunnen des Mimir, Quelle der Weisheit, bewacht vom weisen Mimir.
  • Hvergelmir: brodelnde Quelle in Niflheim, aus der viele Flüsse entspringen.

Die Bewohner des Baumes

Yggdrasil ist kein stiller Ort. In der Krone sitzt ein Adler, zwischen dessen Augen ein Habicht hockt. An den Wurzeln nagt der Drache Nidhöggr. Zwischen beiden läuft das Eichhörnchen Ratatöskr den Stamm auf und ab und trägt böse Worte hin und her. Vier Hirsche fressen von den Zweigen, und unzählige Schlangen nagen an den Wurzeln. Der Baum leidet also ständig, wird aber nicht zerstört. Die Nornen gießen ihn täglich mit Wasser aus dem Urdbrunnen und bestreichen ihn mit hellem Schlamm, damit er nicht verdorrt.

In diesem Bild steckt eine einfache Botschaft: Die Welt ist bedroht, aber sie wird gepflegt. Ordnung und Zerfall arbeiten gleichzeitig am selben Stamm.

Warum gerade eine Esche?

Die Frage, warum der Weltenbaum eine Esche ist, beschäftigt Forscher seit langem. Die Esche war im Norden ein geschätzter Baum. Ihr Holz ist zäh und elastisch und wurde für Speerschäfte, Werkzeugstiele und Bootsteile verwendet. In der Edda entstehen die ersten Menschen aus zwei Baumstämmen, und der Mann heißt Askr, also Esche. Der Baum steht damit am Anfang der Menschheit wie im Zentrum der Welt.

Manche Gelehrte vermuten allerdings, dass ursprünglich eine Eibe gemeint war. Die Eibe ist immergrün, während die Esche im Winter ihre Blätter verliert. Die Beschreibung des Baumes, der nie sein Grün verliert, passt also besser zur Eibe. Auch die Rune Eihwaz trägt den Namen der Eibe und wird oft mit Leben und Tod in Verbindung gebracht. Eine endgültige Antwort gibt es nicht, und vielleicht war die genaue Baumart den Dichtern auch gar nicht so wichtig wie das Bild selbst.

Ähnliche Weltenbäume kennen viele Kulturen, von sibirischen Schamanen bis zu den Maya. Der Gedanke, dass eine senkrechte Achse Himmel, Erde und Unterwelt verbindet, scheint tief im menschlichen Denken verankert zu sein. Yggdrasil ist die nordische Form dieses Bildes, mit eigenen Tieren, Quellen und Geschichten.

Odin am Baum

Die berühmteste Szene an Yggdrasil steht im Hávamál, dem Lied des Hohen. Odin berichtet dort, dass er neun Nächte am windigen Baum hing, mit einem Speer verwundet, sich selbst geopfert, ohne Brot und ohne Trank. Am Ende blickte er hinab, nahm die Runen auf und fiel zurück. Diese Stelle ist der mythische Ursprung der Runen. Sie verbindet den Weltenbaum mit der Schrift und macht Yggdrasil zu einem Ort, an dem Wissen nur durch Opfer zu gewinnen ist.

Yggdrasil beim Weltende

Auch bei Ragnarök, dem Untergang der Götter, spielt der Baum eine Rolle. Die Völuspá berichtet, dass die Esche zittert und ächzt, als der Kampf beginnt. Sie stürzt aber nicht. In manchen Deutungen verbergen sich zwei Menschen im Holz des Baumes und überleben so das Weltende, um danach eine neue Welt zu bevölkern. Yggdrasil wäre damit nicht nur die Achse der alten Welt, sondern auch die Brücke zur neuen.

Fazit: Ein Baum als Weltordnung

Yggdrasil ist mehr als ein Symbol. Der Baum ordnet die neun Welten, verbindet Götter, Riesen und Tote und ist der Ort, an dem Odin die Runen gewann. Er wird bedroht und gepflegt, er zittert und bleibt stehen. Wer die nordische Mythologie verstehen will, beginnt am besten an seinen Wurzeln und folgt dem Stamm Ast für Ast nach oben.