Das Pentagramm — Bedeutung und Symbolik
Das Pentagramm ist eines der bekanntesten und zugleich am häufigsten missverstandenen Symbole der Kulturgeschichte. Als fünfzackiger Stern begegnet es in nahezu allen Hochkulturen — von Mesopotamien über das antike Griechenland bis ins mittelalterliche Europa. Seine Bedeutung hat sich über die Jahrtausende immer wieder gewandelt, doch seine geometrische Faszination ist geblieben.
Was ist ein Pentagramm?
Ein Pentagramm (griechisch: pentagrammon, "fünf Linien") ist ein fünfzackiger Stern, der in einem einzigen, ununterbrochenen Linienzug gezeichnet werden kann. Diese Eigenschaft machte ihn schon in der Antike zu einem Symbol der Vollkommenheit und des Zusammenhalts.
Geometrisch betrachtet enthält das Pentagramm den Goldenen Schnitt (Phi, ca. 1,618): Das Verhältnis der Diagonalen zu den Seiten des eingeschriebenen Fünfecks entspricht exakt dieser Proportion. Diese mathematische Besonderheit faszinierte bereits die Pythagoreer und gilt bis heute als Ausdruck natürlicher Harmonie.
Das Pentagramm zählt zu den ältesten bekannten Symbolen der Menschheit. Die frühesten Funde stammen aus dem Zweistromland (Mesopotamien) und sind mindestens 5.000 Jahre alt. Auf sumerischen Tontafeln erscheint es als Keilschriftzeichen — ein Hinweis darauf, dass geometrische Symbole und Schrift eng miteinander verbunden waren.
Geschichte des Pentagramms
Die Geschichte des Pentagramms erstreckt sich über mehrere Jahrtausende und Kulturräume. In jeder Epoche erhielt es neue Bedeutungsschichten, ohne die älteren vollständig abzustreifen.
In Mesopotamien diente das Zeichen als Logogramm für das Wort UB, das "Ecke" oder "Winkel" bedeutete. Es markierte Himmelsrichtungen und erschien in astronomischen Kontexten auf Keilschrifttafeln.
Im antiken Griechenland machte Pythagoras (ca. 570–495 v. Chr.) das Pentagramm zum Erkennungszeichen seiner philosophischen Schule. Die Pythagoreer nannten es Hygieia — nach der Göttin der Gesundheit — und ordneten den fünf Spitzen die Buchstaben des Wortes zu. Es galt als Symbol für Gesundheit, Erkenntnis und kosmische Ordnung.
Im Judentum wird das Pentagramm gelegentlich als "Siegel Salomons" bezeichnet, obwohl diese Benennung häufiger dem sechszackigen Hexagramm (Davidstern) zukommt. Die Verwechslung beider Symbole zieht sich durch die gesamte Kulturgeschichte.
Im Mittelalter erlebte das Pentagramm eine bemerkenswerte Karriere als Schutzzeichen. Unter dem Namen Drudenfuß wurde es an Hauswände, Kirchentüren und Stallbalken geritzt, um Dämonen und böse Geister abzuwehren. In der Artus-Sage trug Sir Gawain ein Pentagramm auf seinem Schild — als Zeichen der fünf Tugenden und der fünf Sinne.
In der Renaissance verknüpfte Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486–1535) das Pentagramm mit dem menschlichen Körper: Ein aufrecht stehender Mensch mit ausgestreckten Armen und gespreizten Beinen passt exakt in die fünf Spitzen — eine Parallele zu Leonardo da Vincis berühmtem Vitruvianischen Menschen.
In der Neuzeit wurde das Pentagramm von verschiedenen esoterischen Strömungen übernommen, darunter Wicca und andere neuheidnische Bewegungen, die es als zentrales Symbol ihrer Praxis verwenden.
Pentagramm vs. Pentakel — Der Unterschied
Die Begriffe Pentagramm und Pentakel werden im allgemeinen Sprachgebrauch häufig verwechselt, bezeichnen jedoch Unterschiedliches.
Das Pentagramm ist der fünfzackige Stern selbst — fünf gerade Linien, die sich zu einer sternförmigen Figur verbinden. Das Pentakel hingegen bezeichnet ein Pentagramm, das von einem Kreis umschlossen wird. Der Kreis symbolisiert die Einheit und Geschlossenheit, in die das Zeichen eingebettet ist.
In der Heraldik, der mittelalterlichen Magie und der modernen Esoterik werden beide Begriffe oft austauschbar verwendet — was zu erheblicher Verwirrung führt. In der Wicca-Tradition steht das Pentakel für die Verbindung der fünf Elemente: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Geist (Spirit). Der umschließende Kreis drückt die Einheit dieser Kräfte aus.
Das Pentagramm in verschiedenen Kulturen
Die weite Verbreitung des Pentagramms über Kulturgrenzen hinweg belegt seine universelle Anziehungskraft als geometrisches Symbol.
Im Christentum war das Pentagramm bis weit ins Mittelalter hinein positiv besetzt. Die fünf Zacken wurden als Sinnbild der fünf Wunden Christi gedeutet (Hände, Füße, Seitenwunde). Erst ab dem Spätmittelalter begann eine allmähliche Umdeutung, die sich im 19. Jahrhundert verstärkte.
Im Islam taucht das Pentagramm selten, aber doch nachweisbar auf — vor allem als dekoratives Element in der osmanischen Architektur. Es hatte dort keine religiöse Funktion, sondern diente als geometrisches Ornament.
In China findet sich eine strukturelle Parallele in der Lehre der fünf Wandlungsphasen (Wuxing): Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser bilden einen Kreislauf, der sich grafisch als fünfzackige Figur darstellen lässt — auch wenn das klassische Pentagramm selbst in der chinesischen Tradition keine zentrale Rolle spielte.
In der Freimaurerei ist das Pentagramm als "flammender Stern" bekannt. Es symbolisiert dort das Licht der Erkenntnis und wird in Logenräumen als Zeichen der Vollkommenheit verwendet.
Das Pentagramm in der nordischen und germanischen Tradition
Im germanischen Kulturraum war das Pentagramm unter dem Namen Drudenfuß (auch: Alpfuß, Pentalphas, Drudenkreuz) verbreitet. Der Name leitet sich von den Druden ab — Nachtgeistern oder Dämonen, die den sogenannten Alpdruck (Albtraum) verursachen sollten.
Das Zeichen galt als apotropäisches Symbol, also als Schutz- und Abwehrzeichen. Es wurde in Türschwellen, Türstürze und Dachbalken eingeritzt, um das Haus und seine Bewohner vor nächtlichen Heimsuchungen zu schützen. Besonders verbreitet war dieser Brauch in Norddeutschland und Skandinavien, aber auch im alpinen Raum finden sich entsprechende Zeugnisse.
Die Verwendung des Drudenfußes zeigt eine deutliche Verwandtschaft mit der Runenmagie: Wie Runen galten auch geometrische Zeichen als eigenständig kraftgeladen. Das bloße Einritzen genügte, um die Schutzwirkung zu aktivieren — ein Gedanke, der sich auch bei der Schutz-Rune Algiz findet, die ebenfalls zur Abwehr negativer Einflüsse verwendet wurde.
Archäologische Funde belegen Drudenfuß-Ritzungen an Fachwerkhäusern, Scheunen und Kirchenportalen vom Hochmittelalter bis ins 19. Jahrhundert. In einigen Regionen Norddeutschlands hat sich der Brauch in abgewandelter Form bis heute erhalten.
Das umgedrehte Pentagramm
Die Frage nach der Ausrichtung des Pentagramms — Spitze nach oben oder nach unten — ist eine vergleichsweise junge Unterscheidung. Historisch spielte die Orientierung des Zeichens keine Rolle. Ob an einer Hauswand, auf einem Schild oder in einer Handschrift: Das Pentagramm wurde in beliebiger Ausrichtung angebracht.
Die negative Konnotation des umgedrehten Pentagramms geht im Wesentlichen auf den französischen Okkultisten Eliphas Levi zurück, der in seinem Werk Dogme et Rituel de la Haute Magie (1855) das umgekehrte Pentagramm mit dem "Baphomet" verband und als Symbol des Bösen deutete. Diese Zuordnung war eine Neuerfindung des 19. Jahrhunderts und hat keinen Bezug zu älteren Traditionen.
Die moderne Popkultur hat diese Assoziation aufgegriffen und das umgedrehte Pentagramm zum Inbegriff des Satanismus stilisiert — eine Deutung, die historisch betrachtet kaum 170 Jahre alt ist. Im germanischen Brauchtum war die Ausrichtung des Drudenfußes bedeutungslos: Entscheidend war die Form selbst, nicht ihre Orientierung.
Häufige Fragen zur Pentagramm-Bedeutung
Ist das Pentagramm ein satanisches Symbol?
Nein. Das Pentagramm ist eines der ältesten Symbole der Menschheit und wurde über Jahrtausende hinweg in zahlreichen Kulturen und Religionen verwendet — durchweg in positiver oder neutraler Bedeutung. Die Assoziation mit Satanismus entstand erst im 19. Jahrhundert durch den Okkultisten Eliphas Levi und wurde von der Popkultur des 20. Jahrhunderts verstärkt. Historisch betrachtet handelt es sich um ein Schutz- und Ordnungssymbol.
Was bedeutet der Drudenfuß?
Der Drudenfuß ist die germanische Bezeichnung für das Pentagramm. Er diente als Schutzzeichen gegen Druden (Nachtgeister), die für Albträume und nächtliche Beklemmung verantwortlich gemacht wurden. Entgegen verbreiteter Annahmen handelt es sich nicht um ein "Hexensymbol", sondern um ein Abwehrzeichen gegen negative Einflüsse — vergleichbar mit dem Hufeisen über der Tür.
Pentagramm oder Hexagramm — was ist der Unterschied?
Das Pentagramm ist ein fünfzackiger Stern, der in einem Zug gezeichnet werden kann. Das Hexagramm (Davidstern) besteht aus sechs Zacken und setzt sich aus zwei übereinandergelegten Dreiecken zusammen. Beide Symbole werden gelegentlich als "Siegel Salomons" bezeichnet, was zur häufigen Verwechslung beiträgt. In der germanischen Tradition war ausschließlich das fünfzackige Pentagramm als Drudenfuß verbreitet.
Weiterführende Themen
- Runenbedeutung — Die Symbolkraft der einzelnen Runen im Elder Futhark
- Algiz — die Schutzrune — Parallelen zum apotropäischen Drudenfuß
- Nordische Mythologie — Der kosmologische Hintergrund germanischer Symbolik
- Symbole-Übersicht — Alle Symbole der nordischen und germanischen Welt
