Sigurdharkvida
Fafnisbana fyrsta edha Grîpisspâ -
Das erste Lied von Sigurd dem
Fafnirstöter oder Gripirs
WeissagungGripir hieß ein Sohn Eilimis, der
Hiördis Bruder. Er beherrschte die
Lande und war aller Männer
weisester; auch wußte er die
Zukunft. Sigurd ritt allein und kam
zur Halle Gripirs. Sigurd war leicht
erkennbar. Vor dem Tor der Halle kam
er mit einem Mann ins Gespräch, der
sich Geitir nannte. Da verlangte
Sigurd von ihm Bescheid und sprach:
1 Wie heißt, der hier die Halle
bewohnt?
Wie nennen die Leute den König des
Landes?
Geitir:
Gripir heißt der Herrscher der Männer,
Der des festen Lands und der Leute
waltet.
Sigurd:
2 Ist der hehre Fürst daheim im
Land?
Kann der König mit mir zu reden
kommen?
Der Unterredung bedarf ein
Unbekannter:
Bald begehr ich Gripirn zu finden.
Geitir:
3 Der gute König wird Geitirn
fragen
Wie der Mann genannt sei, der nach
ihm fragt.
Sigurd:
Sigurd heiß ich, Sigmunds
Erzeugter;
Hiördis heißt des Helden Mutter. -
4 Da ging Geitir Gripirn zu
sagen:
"Ein Unbekannter ist
angekommen;
Von Antlitz edel ist er zu schauen,
Der gern zusammen käme, König, mit
dir."
5 Aus dem Gemach ging der mächtige
Fürst
Und grüßte freundlich den fremden
König:
"Nimm vorlieb hier, Sigurd; was
kamst du nicht längst?
Du geh, Geitir, nimm den Grani ihm
ab."
6 Sie begannen zu sprechen und
sagten sich manches,
Da die ratklugen Recken sich fanden.
"Melde mir, magst du's.
Mutterbruder,
Wie wird dem Sigurd das Leben sich
wenden?"
Gripir:
7 Du wirst der mächtigste Mann auf
Erden,
Der edelste aller Fürsten geachtet.
Im Schenken schnell und säumig zur
Flucht,
Ein Wunder dem Anblick und weiser
Rede.
Sigurd:
8 Laß, Fürst, erfahren genauer als
ich frage,
Weiser, den Sigurd, wähnst du's zu
schauen:
Was wird mir Gutes begegnen zuerst,
Wenn ich hinging von deinem Hofe?
Gripir:
9 Zuvörderst erfichst du dem Vater
Rache
Und dem Eilimi Ahndung alles Leides.
Du wirst die harten Hundings Söhne,
Die schnellen, fällen und den Sieg
gewinnen.
Sigurd:
10 Sag, edler König, mir
Anverwandter,
Gib volle Kunde, da wir freundlich
reden.
Siehst du Sigurds Siege voraus,
Die zuhöchst sich heben unter des
Himmels Rändern?
Gripir:
11 Du fällst allein den gefräßigen
Wurm,
Der glänzend liegt auf Gnitaheide.
Beiden Brüdern bringst du den Tod,
Regin und Fafnirn: vor sieht's
Gripir.
Sigurd:
12 Schätze gewinn ich, wenn so mir
gelingt
Zu kämpfen mit Männern wie du mir
kund tust.
Im Geiste erforsche ferner und sage
mir,
Wie lenkt mein Lebenslauf sich
hernach?
Gripir:
13 Finden wirst du Fafhirs Lager,
Wirst heimführen den glänzenden
Hort,
Mit Golde beladen Granis Rücken
Und zu Giuki reiten, kampfrüstiger
Held.
Sigurd:
14 Noch sollst du dem Fürsten in
freundlicher Rede,
Weitschauender König, weiteres künden.
Gast war ich Giukis, nun geh ich von
dannen:
Wie lenkt mein Lebenslauf sich
hernach?
Gripir:
15 Auf dem Felsen schläft die Fürstentochter
Hehr im Harnisch nach Helgis Tode:
Mit scharfem Schwerte wirst du
schneiden,
Die Brünne trennen mit Fafnirs Töter.
Sigurd:
16 Die Brünne brach, nun redet die
Braut,
Die schöne, so vom Schlaf erweckt.
Was soll mit Sigurd die Sinnige
reden,
Das zum Heile mir Helden werde?
Gripir:
17 Sie wird dich Reichen Runen
lehren,
Alle, die Menschen wissen möchten,
Dazu in allen Zungen reden,
Und heilende Salben: so Heil dir, König!
Sigurd:
18 Nun laß es gelungen sein,
gelernt die Stäbe,
Von dannen zu reiten bin ich bereit;
Im Geist erforsche ferner und sage
mir,
Wie lenkt mein Lebenslauf sich
hernach?
Gripir:
19 Du wirst zu Heimirs Behausung
kommen,
Wirst dem Volksfürsten ein froher
Gast sein.
Zu End ist, Sigurd, was ich voraus
sah:
Nicht fürder sollst du Gripirn
fragen.
Sigurd:
20 Nun schafft mir Sorge das Wort,
das du sagtest,
Denn Ferneres siehst du, Fürst,
voraus.
Weißt du unsägliches Unheil dem
Sigurd,
Darum du, Gripir, nicht gerne
redest?
Gripir:
21 Mir lag der Lenz deines Lebens
Hell vor Augen anzuschauen.
Nicht mit Recht bin ich ratklug
genannt,
Noch vorwissend: was ich wußte,
sprach ich.
Sigurd:
22 Auf Erden ahn ich den andern
nicht,
Der so vieles, Gripir, vorschaut als
du.
Nicht sollst du mir bergen was Böses
ist,
War es auch Meintat, in meinem
Geschick.
Gripir:
23 Nicht Laster liegen in deinem
Lose,
Halt das, herrlicher Held, im Gedächtnis.
Dieweil die Welt steht wird erhaben,
Schlachtgebieter, bleiben dein Name.
Sigurd:
24 Trennen, seh ich, muß sich nun
trauernd
Von dem Seher Sigurd, da es so sich
fügt.
Weise den Weg (gewiß ist doch
alles)
Mir, Mutterbruder, vermagst du es
doch.
Gripir:
25 Nun will ich Sigurden alles
sagen,
Da mich drängt der Degen dazu.
Wisse gewiß, die Wahrheit ist es:
Dir ist ein Tag zum Tode bestimmt.
Sigurd:
26 Nicht reizen will ich dich,
reicher König,
Deinen guten Rat nur, Gripir,
erlangen.
Wissen will ich und sei es auch
widrig,
Welch Schicksal weißt du Sigurds
warten?
Gripir:
27 Eine Maid ist bei Heimir,
herrlich von Antlitz,
Mit Namen ist sie Brünhild genannt,
Die Tochter Budlis; aber der teure
Heimir erzieht die hartgesinnte.
Sigurd:
28 Was mag mir schaden, ob schön
die Maid
Von Antlitz sei, die Heimir
aufzieht?
Das sollst du mir, Gripir, von
Grunde melden,
Denn alles Schicksal schaust du
voraus.
Gripir:
29 Schier alle Freude führt dir
dahin
Die Schöne von Antlitz, die Heimir
aufzieht.
Schlaf wirst du nicht schlafen,
nicht schlichten und richten,
Die Männer meiden, du sähst denn
die Maid.
Sigurd:
30 Was lindert das leidige Los dem
Sigurd?
Sage mir, Gripir, siehst du's
voraus.
Mag ich die Maid um Mahlschatz
kaufen,
Des Volksgebieters blühende
Tochter?
Gripir:
31 Ihr werdet euch alle Eide
leisten,
Hoch und heilig, doch wenige halten.
Warst du Giukis Gast eine Nacht,
So hat Heimirs Maid dein Herz
vergessen.
Sigurd:
32 Wie so denn, Gripir? Sage mir an.
Weißt du Wankelmut in meinem Wesen?
Werd ich mein Wort nicht bewähren
der Maid?
Ich schien sie zu lieben aus lauterm
Herzen.
Gripir:
33 Das wirst du, Fürst, durch
fremde Tücke;
Der Räte Grimhilds wirst du
entgelten:
Die Weißgeschleierte wird sie dir
bieten,
Die eigene Tochter: so betrügt sie
dich, König!
Sigurd:
34 Schließ ich Verschwägerung mit
Giukis Geschlecht
Und gehe den Bund mit Gudrun ein,
Wohl gefreit hätte der Fürst,
Müßt ich mich nicht um Meineid ängstigen.
Gripir:
35 Grimhild wird dich gänzlich betören:
Sie bringt dich dazu, um Brünhild
zu werben
Zu Händen Gunnard des Gotenkönigs.
Zu früh gelobst du die Fahrt des Fürsten
Mutter.
Sigurd:
36 Meintaten geschehen, das merk ich
wohl:
Übel wankt Sigurds Wille,
Wenn ich werben muß um die wonnige
Maid
Einem andern zu Handen, der ich hold
bin selber.
Gripir:
37 Ihr werdet euch alle Eide
leisten,
Gunnar und Högni, und du, Held, der
dritte.
Unterwegs wechselt ihr Wuchs und
Gestalt,
Du und Gunnar: Gripir lügt nicht!
Sigurd:
38 Warum tun wir das? Warum täuschen
Wir unterwegs Wuchs und Gestalt?
Schon fürcht ich, es folge noch
andre Falschheit,
Gar grimme: sprich, Gripir, weiter.
Gripir:
39 Du hast nun Gunnars Gang und
Gestalt;
Hast eigne Rede und edeln Sinn.
So verlobst du dich dem erlauchten
Hutkind Heimirs: das verhütet
niemand!
Sigurd:
40 Das Schlimmste scheint mir,
Sigurd gilt dann
Dem Volk für falsch, fügt es sich
so.
Ungern möcht ich mit Arglist trügen
Die Heldentochter, die ich die
hehrste weiß.
Gripir:
41 Liegen wirst du, Lenker des
Heers,
Keusch bei der Maid wie bei der
Mutter.
Drum wird erhaben so lange die Welt
steht,
Volksgebieter, dein Name bleiben.
42 Zumal werden beide Bräute
vermählt,
Sigurds und Gunnars, in Giukis Sälen.
Wieder wechseltet ihr Wuchs und
Gestalt
Daheim, nicht das Herz: das behielt
jedweder.
Sigurd:
43 Wird gute Gattin Gunnar erwerben,
Der herrliche Held? Verhehl es
nicht, Gripir,
Wenn des Degens Braut bei mir drei Nächte,
Die hochherzge, lag? Unerhört ist
solches.
44 Wie mag zur Freude noch
frommen danach
Der Männer Verwandtschaft? Melde
mir, Gripir.
Wird Glück dem Gunnar danach noch gönnen
Solche Sippe, oder selber mir?
Gripir:
45 Dir gedenkt der Eide, mußt
dennoch schweigen.
Zwar Gudrunen liebst du in guter
Ehe;
Doch bös verbunden dünkt Brünhild
sich,
Die Schlaue sinnt sich Rache zu
schaffen.
Sigurd:
46 Was wird zur Buße der Brünhild
genügen,
Da wir mit Tücke betrogen die Frau?
Eide geschworen hab ich der Edeln
Und nicht gehalten; auch hat sie
nicht Frieden.
Gripir:
47 Die Grimme geht dem Gunnar sagen,
Ihm habest du übel die Eide
gehalten,
Da dir der Herrscher von ganzem
Herzen doch,
Giukis Erbe, Vertrauen gönnte.
Sigurd:
48 Wie ergeht das, Gripir? Gib mir
Bescheid.
Werd ich schuldig sein in dieser
Sache,
Oder verlügt mich das löbliche
Weib,
Und sich auch selber? Sage mir,
Gripir.
Gripir:
49 Aus Herzensharm wird die hehre
Frau
Und aus Überschmerz euch Unheil fügen.
Du gabst der Guten nicht Grund dazu,
Obwohl ihr die Königin mit Listen
kränktet.
Sigurd:
50 Wird ihrem Reizen der ratkluge
Gunnar,
Guthorm und Högni, dann Folge
geben?
Werden Giukis Söhne in mir
Gesipptem
Die Schwerter röten? Rede, Gripir.
Gripir:
51 Der Gudrun vergeht vor Grimm das
Herz,
Wenn dir ihre Brüder Verderben
raten.
Ledig lebt aller Lust
Das weise Weib: das wirkte Grimhild.
52 Dir bleibt der Trost, Gebieter
der Heerschar,
Die Fügung fiel auf des Fürsten
Leben:
So edeln Mann wird die Erde nicht
mehr
Noch die Sonne schauen, Sigurd, als
dich.
Sigurd:
53 Heil uns beim Scheiden! Das
Geschick bezwingt man nicht.
Mir ward der Wunsch hier, Gripir,
gewählt.
Du hättest gerne mehr Glück verheißen
Meinem Lebenslauf, lag es an dir.
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