Fafnismal
- Das Lied von
Fafnir
Sigurd und Regin fuhren aufwärts
zur Gnitaheide und fanden da
Fafnirs Weg, auf dem er zum
Wasser kroch. Da machte Sigurd
eine große Grube im Weg und
stellte sich hinein. Als aber
Fafnir von seinem Gold kroch,
blies er Gift von sich und das
fiel dem Sigurd von oben aufs
Haupt. Als aber Fafnir über die
Grube wegglitt, stach ihm Sigurd
das Schwert ins Herz. Fafnir schüttelte
sich und schlug mit Haut und
Schweif. Da sprang Sigurd aus
der Grube, wo dann einer den
andern sah. Fafnir sprach:
1 Gesell und Gesell, welcher
Gesell erzeugte dich,
Was bist du mir ein
Menschenkind?
Der in Fafnir färbtest den
funkelnden Stahl;
Mir haftet im Herzen dein
Schwert.
Aber Sigurd verhehlte seinen
Namen, weil es in alter Zeit
Glaube war, daß eines
Sterbenden Wort viel vermöchte,
wenn er seinen Feind mit Namen
verwünschte. Er sprach:
2 Wundertier heiß ich, ich
wank umher,
Ein Kind, das keine Mutter
kennt.
Auch miß ich den Vater, den
Menschen sonst haben,
Ich gehe einsam, allein.
Fafnir:
3 Missest du den Vater, den
Menschen sonst haben,
Welches Wunder erzeugte dich?
Sigurd:
4 Mein Geschlecht ist dir
schwerlich kund
Und ich selber auch nicht.
Sigurd heiß ich, Sigmund hieß
mein Vater;
Meine Waffe verwundete dich.
Fafnir:
5 Wer reizte dich? Wie ließest
du dich reizen
Mein Leben zu morden,
Klaräugiger Knabe? Kühn war
dein Vater:
Dem Ungebornen vererbt er den
Sinn.
Sigurd:
6 Mich reizte das Herz; die Hände
vollbrachten's
Und mein scharfes Schwert.
Keiner ist kühn, wenn die Jahre
kommen,
Der von Kindesbeinen blöd war.
Fafnir:
7 Wärst du erwachsen an der
Verwandten Brust,
Man kennte dich kühn im Kampfe;
In Haft bist du hier, ein
Heergefangner:
Stets, sagt man, bebt der
Gebundne.
Sigurd:
8 Welcher Vorwurf, Fafnir, als
ob ich fern war
Meinem Mutterlande?
Nicht war ich in Haft hier, auch
als Heergefangner;
Du fühlst wohl, daß ich frei
bin.
Fafnir:
9 Einen Vorwurf findest du in
freundlichem Wort;
Aber eins verkünd ich dir:
Das gellende Gold, der glutrote
Schatz,
Diese Ringe verderben dich.
Sigurd:
10 Goldes walten will ein jeder
Stets bis an den einen Tag.
Denn einmal muß jeder Mann doch
Fahren von hinnen zu Hel.
Fafnir:
11 Du nimmst für nichts der
Nornen Spruch,
Mein Wort für unweise Rede.
Doch ertrinkst du im Wasser, ob
du beim Winde ruderst:
Alles sterbt ihn, der sterben
soll.
12 Der Schreckenshelm schützte
mich lange,
Da ich über Kleinoden kroch;
Allein daucht ich mich stärker
als alle
Und fand selten meinen Mann.
Sigurd:
13 Keinen mag schützen der
Schreckenshelm,
Wo Zornige kommen zu kämpfen.
Wer mit vielen ficht befindet
bald:
Keiner ist allein der Kühnste.
Fafnir:
14 Gift blies ich, da ich auf
dem Golde lag,
Dem vielen, meines Vaters.
Sigurd:
15 Wohl warst du furchtbar, du
funkelnder Wurm;
Ein hartes Herz erhieltest du.
Der Mut schwillt mächtig den
Menschensöhnen,
Die solchen Helm haben.
16 Laß dich fragen, Fafnir,
da du vorschauend bist
Und wohl manches weißt:
Welches sind die Nornen, die
notlösend heißen
Und Mütter mögen entbinden?
Fafnir:
17 Verschiedenen Geschlechts
scheinen die Nornen mir
Und nicht eines Ursprungs.
Einige sind Asen, andere Alfen,
Die dritten Töchter Dwalins.
Sigurd:
18 Laß dich fragen, Fafnir, da
du vorschauend bist
Und wohl manches weißt:
Wie heißt der Holm, wo Herzblut
mischen
Surtur einst und Asen?
Fafnir:
19 Oskopnir (unvermeidlich) heißt
er, wo alle Götter
Dereinst mit Speeren spielen.
Bifröst bricht eh beide sich
scheiden
Und im Strome schwimmen die
Rosse.
20 Nun rat ich dir, Sigurd,
nimm an den Rat
Und reit heim von hinnen.
Das gellende Gold, der glutrote
Schatz,
Diese Ringe verderben dich.
Sigurd:
21 Rat ist mir geraten; ich
reite dennoch
Zu dem Hort auf der Heide.
Du Fafnir lieg in letzten Zügen
Bis du hin mußt zu Hel.
Fafnir:
22 Regin verriet mich, er verrät
auch dich,
Er bringt uns beiden den Tod.
Sein Leben muß nun Fafnir
lassen,
Deine Macht bemeistert mich.
Regin war fortgegangen, während
Sigurd Fafnirn tötete; er kam
zurück, als Sigurd das Blut vom
Schwerte wischte. Regin sprach:
23 Heil dir nun, Sigurd, du
hast Sieg erkämpft
Und den Fafnir gefällt.
Von allen Männern, die auf
Erden wandeln,
Acht ich dich den
unverzagtesten.
Sigurd:
24 Ungewiß bleibt, wo alle
vereint sind,
Der Sieggötter Söhne,
Welcher der unverzagteste ist:
Mancher ist kühn, der die
Klinge nie
Barg in des andern Brust.
Regin:
25 Stolz bist du, Sigurd, und
siegesfreudig,
Da du Gram im Grase wischest.
Den Bruder hast du mir
umgebracht;
Doch trag ich selbst der Schuld
ein Teil.
Sigurd:
26 Du rietest dazu, daß ich
reiten sollte
Über die heiligen Berge her.
Gut und Leben gegönnt war dem
glänzenden Wurm,
Triebest du mich nicht zur Tat.
Da ging Regin zu Fafnir und
schnitt ihm das Herz aus mit dem
Schwert, das Ridil heißt, und
trank dann das Blut aus der
Wunde.
Regin:
27 Sitze nun, Sigurd; ich
schlafe derweil,
Und halte Fafnirs Herz ans
Feuer.
Ich will das Herz zu essen haben
Auf den Bluttrunk, den ich
trank.
Sigurd:
28 Fern entflohst du, während
in Fafnir ich
Rötete das scharfe Schwert.
Meine Stärke setzt ich wider
den starken Wurm,
So lange du auf der Heide lagst.
Regin:
29 Lange liegen ließest du auf
der Heide
Jenen alten Joten,
Wenn du das Schwert nicht
schwangst, das ich dir schuf,
Die wohlgewetzte Waffe.
Sigurd:
30 Mut in der Brust ist besser
als Stahl,
Wo sich Tapfere treffen.
Den Kühnen immer sah ich erkämpfen
Mit stumpfem Schwerte den Sieg.
31 Der Kühne mag besser als
der Bange kann
Sich im Kriegesspiel versuchen.
Mehr gelingt dem Muntern als dem
Mürrischen
Was er hab in der Hand.
Sigurd nahm Fafnirs Herz und
briet es am Spieß. Und als er
dachte, daß es gar wäre, und
der Saft aus dem Herzen schäumte,
da stieß er daran mit seinem
Finger und versuchte, ob es gar
gebraten wäre. Er verbrannte
sich und steckte den Finger in
den Mund. Aber als Fafnirs
Herzblut ihm auf die Zunge kam,
da verstand er der Vögel
Stimmen. Er hörte, daß
Adlerinnen auf den Zweigen
zwitscherten.
Eine von den Adlerinnen:
32 Da sitzt Sigurd blutbespritzt
Und brät am Feuer Fafnirs Herz.
Klug däuchte mich der
Ringverderber,
Wenn er das leuchtende
Lebensfleisch äße.
Die andere:
33 Da liegt nun Regin und geht
zu Rat
Wie er trüge den Mann, der ihm
vertraute;
Sinnt in der Bosheit auf falsche
Beschuldigung:
Der Unheilschmied brütet dem
Bruder Rache.
Die dritte:
34 Hauptes kürzer laß er den
haargrauen Schwätzer
Fahren von hinnen zu Hel.
So soll er den Schatz besitzen
allein,
Wie viel des unter Fafnir lag.
Die vierte:
35 Er däuchte mich klug, gedächt
er zu nützen
Den Anschlag, Schwestern, den
ihr wohl ersannt.
Er berate sich rasch die Raben
zu erfreuen,
Denn den Wolf erwart ich, gewahr
ich sein Ohr.
Die fünfte:
36 So klug ist nicht der
Kampfesbaum,
Wie ich den Heerweiser hätte
gewähnt,
Läßt er den einen Bruder ledig
Und hat den andern umgebracht.
Die sechste:
37 Sehr unklug scheint er mir,
schont er länger noch
Den gemeingefährlichen Feind.
Dort liegt Regin, der ihn
verraten will;
Er weiß sich davor nicht zu
wahren.
Die siebente:
38 Um den Kopf kürz er den
eiskalten Joten
Und beraub ihn der Ringe.
So sind die Schätze, die Fafnir
besessen,
Ihm allein zu eigen.
Sigurd:
39 So verrat mich das Los nicht,
daß Regin sollte
Mir zum Mörder werden:
Beide Brüder sollen alsbald
Fahren von hinnen zu Hel.
Sigurd hieb Regin das Haupt
ab, und aß Fafnirs Herz und
trank beider Blut, Regins und
Fafnirs. Da hörte Sigurd, was
die Adlerinnen sangen:
40 Mit den roten Ringen
bereife dich, Sigurd;
Um Künftges sich kümmern ziemt
Königen nicht.
Ein Weib weiß ich, ein
wunderschönes,
Goldbegabt: war sie dir gegönnt!
41 Zu Giuki gehen grüne
Pfade:
Dem Wandernden weist das
Schicksal den Weg.
Da hat eine Tochter der teure König:
Die magst du, Sigurd, um
Mahlschatz kaufen.
42 Ein Hof ist auf dem hohen
Hindarfiall
Ganz von Glut umgeben außen.
Ihn haben hehre Herrscher
geschaffen
Aus undunkler Erdenflamme.
43 Auf dem Steine schläft
die Streiterfahrene,
Und lodernd umleckt sie der
Linde Feind.
Mit dem Dorn stach Ygg sie einst
in den Schleier,
Die Maid, die Männer morden
wollte.
44 Schaun magst du, Mann, die
Maid unterm Helme,
Die aus dem Gewühl trug
Wingskornir das Roß.
Nicht vermag Sigdrifas Schlaf zu
brechen
Ein Fürstensohn eh die Nornen
es fügen.
Sigurd ritt auf Fafnirs Spur
nach dessen Haus und fand es
offen und die Türen von Eisen
und aufgeklemmt. Von Eisen war
auch alles Zimmerwerk am Haus,
und das Gold war unten in die
Erde gegraben. Da fand Sigurd
großmächtiges Gut und füllte
damit zwei Kisten. Da nahm er Ögishelm
und die Goldbrünne und das
Schwert Hrotti und viele
Kostbarkeiten und belud Grani
damit. Aber das Roß wollte
nicht fortgehen, bis Sigurd auf
seinen Rücken stieg.
|